Blinde erschaffen Sandskulpturen in Travemünde
Ein Teilnehmer berichtet
Text von Karl Küppers
Sand Skulpturen Workshop Travemünde vom 14. bis 16.7.2026
Teilnehmer: BSVH Mitglieder Nina Pöhls, Bianca Bürkle, Jordan Smith und Begleitung, Karl Küppers
Martin De Zoete: künstlerischer Leiter der Sandskulpturenausstellung, Ratgeber, Animateur und Motivator in Personalunion
Oliver Hartmann: Ausstellungsleitung, zuständig für fast alles rund um diesen Workshop (Verpflegung, Getränke, und vieles mehr)
Tag 1: Kennenlernen, anders sehen, Sand stampfen und ausprobieren.
Gemeinsame Anreise der Teilnehmer nach Travemünde Skandinavien Kai, von dort zu Fuß zur Sandskulpturenausstellung. Begrüßung durch Oliver Hartmann und erste Gespräche. Martin de Zoete war noch mit dem Aufbau von vier Sand Blöcken mit den Maßen von 90 × 90 × 1 20 beschäftigt. Das ist fast 1 m³ Sand, der dort zu verarbeiten ist. Währenddessen führte Oliver eine kleine Werkzeugkunde durch. Nachdem Martin die Blöcke fertig gestellt hatte, wurde er uns durch Oliver vorgestellt. Den Teilnehmern war es ein Anliegen, Oliver und Martin mittels Simulationsbrille und Augenbinde in die Welt der Sehbehinderung bzw. Blindheit mitzunehmen. Nach einer Einweisung in den Gebrauch des Langstockes führten Karl und Bianca die beiden durch die Ausstellung, während ihre Augen mit der Augenbinde verdunkelt waren. Dadurch bekamen beide einen total anderen Blick und einen Einblick in unsere Bedürfnisse und waren nach dieser Einweisung total beeindruckt.
Für uns waren vier kleine Blöcke in den Maßen 40 × 40 × 50 auf einem Tisch aufgebaut. An diesen konnten wir uns mit der Materie vertraut machen und die Möglichkeiten der Gestaltung, die man hat, wurden uns aufgezeigt. Einen dieser vier Blöcke durften Jordan und ich selber stampfen. Apropos stampfen: Zu aller erst wird aus Holz ein Schalenelement zusammengefügt, das dann das Viereck ergibt und mit einem Spanngurt gegen Auseinanderbrechen gesichert wird. Nach und nach füllt man dieses Quadrat mit Sand und vermischt ihn mit Wasser. Dann wird das erste Mal gestampft. Dann kommt wieder Sand plus Wasser dazu und es wird erneut gestampft. Dies wiederholt man, bis das ganze Schalenelement gefüllt ist. Man lässt es einige Zeit stehen und entfernt vorsichtig die Holzumrandung, sodass der Sandblock in seiner rohen Form fertig ist. Anhand dieser kleinen Sandblöcke bekamen die Teilnehmer einen Eindruck, was möglich ist, und konnten ihre Ideen einmal ausprobieren.
Die Zeit verging wie im Fluge. Wir mussten zur Mittagspause und zu Trinkpausen gezwungen werden, so sehr waren wir mit der Entwicklung und dem sich vertraut machen mit der Materie beschäftigt. Wir vergaßen wirklich die Zeit und als dann 16:30 Uhr war, mussten wir auch zusehen, dass wir noch den passenden Zug erwischen.
Außerdem war am ersten Tag noch Radio Lübeck mit einem Aufnahmeteam vor Ort. Die Teilnehmer beantworteten in einem Interview die Fragen, die der Redakteur uns stellte.
Tag 2: Los geht’s mit den Skulpturen!
Nach der Begrüßung durch Martin und Oliver wurden wir gefragt, was wir aus den großen Blöcken gestalten wollten. Jordan sagte wortwörtlich: „Ich komm von einer Insel und deswegen soll es was mit Wasser zu tun haben. Ich werde einen Fisch machen, der aus dem Wasser kommt.“ Nina hat ein Faible für Schnuller und so war es klar, dass sie aus diesem Sandblock einen Schnuller macht. Karl wollte noch einmal in sein altes Berufsfeld zurückkehren und aus dem Block ein Haus mit Walmdach erstellen. Auf die Seiten sollte jeweils ein Baum und auf der Vorderseite noch der Hinweis auf eine Hilfsmittelausstellung am 9.10.2026 im Herder Center Lübeck sein. Bianca hatte die Idee eine Schildkröte auf einem Felsen erstehen zu lassen.
Kurz bevor wir dann an die Blöcke gingen kam ein Aufnahmeteam des NDR, dass für das Schleswig-Holstein Magazin einen Beitrag zusammenstellen wollte. Bianca führte die Redakteurin und auch die Kamerafrau anhand von Simulationsbrillen und Augenbinde in unsere Welt. So wird auch im Beitrag deutlich, wie wir sehen oder auch nicht. Das Team vom NDR war ungefähr 4 bis 5 Stunden vor Ort und der Beitrag im Schleswig-Holstein Magazin war wirklich sehenswert und sehr eindrucksvoll. Später kam noch ein Aufnahmeteam von RTL Nord Schleswig Holstein, das ebenfalls Aufnahmen für einen Beitrag machte.
Nun war es für uns sehr spannend an den ganz großen Sandblöcken zu arbeiten. Es war ein Herantasten an das Endergebnis, stets mit Fragen verbunden, die äußerst liebevoll und eindrücklich von Martin beantwortet wurden. Er zeigte uns, was möglich ist, wie wir vorgehen sollen. Er half, wo es ging. Aber letztendlich war es so, dass er uns ermutigte, Dinge zu tun, von denen wir dachten, dass sie nicht möglich sind. Ein Beispiel: „Du, Martin, was passiert, wenn ich hier was schräg einschneidende?“ „Pass auf, ein kleines Stück mach ich und den Rest schaffst du ganz alleine.“ 5 cm dieser Schräge machte er, den Rest machte ich selber.
„Du Martin, ich möchte da vorne noch was drauf schreiben, aber ich denke das die Schrift viel zu viel ist …“ Freihändig zeichnet er eine Linie und schreibt ganz schwach die Buchstaben bzw. den Text auf diese Linie. Dann zeigt er mir den ersten Buchstaben und sagt: „Das andere schaffst du schon alleine!“ Und so könnte ich oder die anderen Teilnehmenden hier noch mehr dieser Beispiele aufführen. Diese Art der Zusammenarbeit, das Erleben eines Miteinanders, das Erleben des Füreinander Daseins war hier hautnah zu spüren. Wenn ich jetzt hier sitze und das schreibe, schießen mir die Tränen in die Augen, weil es ein solch eindrückliches Erlebnis war mit und in diesem Team.
Auch an diesem zweiten Tag war es so, dass man irgendwann auf die Uhr schaute und feststellte: Oh Gott, es ist schon 14:30 Uhr und wir haben noch nichts gegessen. Wir vergaßen förmlich die Zeit und waren tatsächlich tief mit unseren Projekten beschäftigt. Auch an diesem zweiten Tag war gegen 16:30 Uhr Feierabend und auf dem Heimweg war das Erlebte ständig präsent. Als ich abends im Bett lag habe ich im Geiste noch an meinem Modell herum gescharrt und war noch im Einschlafen bei der Arbeit.
Tag 3: Großes Finish und unsere Skulpturen werden Teil der Ausstellung
Der erste Blick nach dem Hereinkommen in die Ausstellungshalle, fiel natürlich auf unsere Projekte. Nun ließen sie schon erkennen, was denn da entstehen soll. Der Begrüßungskaffee war noch nicht einmal ausgetrunken, da waren wir schon wieder bei der Arbeit. Jeder hatte so viel Freude und wollte sein Projekt zu einem guten Ende bringen. Begleitet wurden wir an diesem Tag von einem Redakteuren von HL- Live und der Lübecker Nachrichten.
Die Arbeit an den Blöcken und an unseren Projekten war gegen 15:00 Uhr soweit abgeschlossen, dass Martin und Oliver eigenhändig den umliegenden Sand mit der Harke ebnen konnten. Wir gaben das Werkzeug ab und jeder von uns war auf seine Weise mega stolz auf das von ihm geschaffene. Für jeden von uns war das ein besonderes Erlebnis. Wir waren für einander da, wir waren miteinander dort und erlebten eine große Unterstützung. Und wie mir Jürgen Trinkus sagte: „Karl, ihr habt gewagt und ihr habt gewonnen.“
Die Teilnehmer ließen zusammen mit Oliver und Martin bei einem gemütlichen Essen im italienischen Restaurant diesen Workshop zufrieden und tief beeindruckt ausklingen. Unser aller Dank gilt dem künstlerischen Leiter, dem Ausstellungsleiter und ganz besonders dem gesamten Team der Sandskulpturenausstellung in Travemünde. Und auch dem BSVSH e. V. der letztendlich durch seine Kostenübernahme dafür gesorgt hat, dass dieses Erlebnis und diese Erfahrung für uns Wirklichkeit geworden ist.
Ein ganz besonderer Dank geht an Bianca, die für alle Skulpturen in der gesamten Ausstellung eine Braille Beschriftung erstellt hat. Danke auch an Hanna, die Bianca beim Aufkleben der Beschriftung geholfen hat. Die von uns geformten Skulpturen bleiben bis zum Ende der Ausstellung erhalten und sind nun Teil der Gesamtausstellung. Am letzten Öffnungstag der Ausstellung, dessen Datum noch nicht so konkret ist, dürfen blinde, sehbehinderte und von Sehverlust bedrohte Menschen und deren Angehörige die besonders zugänglichen Skulpturen der Gesamtausstellung mit wieder mit allen Sinnen erleben. Eine mögliche Wiederholung dieses Workshops im nächsten Jahr ist angedacht und wir werden alles dafür tun, dass dies möglich wird.
Bildergalerie












Viele Presseberichte über dein einzigartigen Workshop
Der Sandskulpturen-Workshop war im Fernsehen zu sehen und auch das Radio und einige Zeitungen berichteten darüber:
- Bericht von RTL Nord
- Lübeck live: Sehbehinderte schaffen Kunst aus Sand
- NDR, SH-Magazin: Workshop in Travemünde: Blinde schaffen Sandskulpturen
- Lübecker Nachrichten: Travemünder Sandskulpturen-Ausstellung zeigt erstmals Werke blinder Künstler (nur mit Abo)
- Den Beitrag aus dem Radio Lübeck können Sie sich hier anhören:
Über die Sandskulpturen-Ausstellung in Lübeck-Travemünde
Die Sandskulpturen sind zurück in Travemünde: Vom 14. März bis zum 1. November 2026 gibt es die nur aus Sand und Wasser geformten Figuren und Szenen am Fischereihafen in Travemünde zu bestaunen. Täglich von 10 bis 18 Uhr (letzter Einlass 17.30 Uhr) stehen die Türen einer der weltweit größten überdachten Ausstellungen für Sand-Kunstwerke den Besuchern offen. 25 Künstler, darunter Welt- und Europameister im Carven, präsentieren rund 104 Skulpturen – alle unter dem Motto „Zeitreise im Sand“. Die im Workshop entstandenen Werke stehen am Eingang der Ausstellungshalle – sichtbar für alle, die die Ausstellung besuchen.
Damit stehen die Skulpturen sehbehinderter Menschen Seite an Seite mit den Arbeiten von 25 internationalen Sandcarverinnen und Sandcarvern, die mit ihrer Kunst Welt- und Europameisterschaften gewonnen haben. Für die achte Saison in Travemünde haben diese Künstler aus 15 Ländern auf 3.500 Quadratmetern überdachter Ausstellungsfläche 104 Skulpturen erschaffen. Noch bis zum 1. November 2026 führt die „Zeitreise im Sand“ die Besucherinnen und Besucher durch die gesamte Menschheitsgeschichte: von den Dinosauriern über das alte Ägypten, Karl den Großen, Gutenberg und Einstein bis in die digitale Gegenwart.
Die Ausstellung inklusive Gastronomie und kleinen Sandspielplätzen für Kinder befindet sich in der Travemünder Landstraße 306 in Lübeck-Travemünde. Direkt vor Ort gibt es viele Parkmöglichkeiten. Der Zugang zur Ausstellung ist barrierefrei. Hunde dürfen an der Leine mit durch die Ausstellung geführt werden. Tickets (Tageskarten) können an der Tageskasse zum Preis von 13,50 Euro für Erwachsene, 8,50 Euro für Kinder, 12,50 Euro ermäßigt für Rentner und Studierende sowie für zwischen 38 und 43 Euro für Familien erworben werden. Ab einer Anzahl von 20 Personen kann ein Gruppenrabatt vereinbart werden. Alle Informationen auf der Website der Sandskulpturen-Ausstellung. (öffnet in neuem Fenster)

